Trotz Verbot nicht tot – Wie Dr. Goebbels die Reichshauptstadt für die Bewegung eroberte

Von Konstantin Heiligenthal

Im November 1923, nach der blutigen Niederschlagung des Marsches auf die Feldherrenhalle in München, zerfielen die Strukturen der NSDAP und die Partei wurde in ganz Deutschland verboten. Die Führer der Partei wurden mit Gefängnis- und Festungshaft belegt, der Apparat der Organisation wurde zerschlagen, die Pressefreiheit aufgehoben, und die Anhänger der Bewegung verstreuten sich in alle Winde. Adolf Hitler sagte damals voraus, dass wohl fünf Jahre nötig sein würden, um die NSDAP wieder so auszubauen, dass sie in die politische Entwicklung entscheidend eingreifen könne.

Nach Beendigung seiner Festungshaft im Dezember 1924 ging Adolf Hitler gleich daran, die Vorbereitungen zur Neugründung der Partei zu treffen, und im Februar 1925 entstand die alte Bewegung aufs Neue. Aber Hitler wusste, ohne Berlin erobert zu haben, wo die NSDAP überhaupt kein politisches Gesicht besaß, würde ein nationalsozialistischer Sieg in Deutschland eine Illusion bleiben. Im sogenannten „Roten Berlin“ zählte die NSDAP bis dahin lediglich 500 Mitglieder. Gelingt es, Berlin dem Nationalsozialismus zu erobern, dann hat die Bewegung gewonnen, so Adolf Hitlers Analyse. Die Reichshauptstadt war nun einmal das Zentrum des Landes; von hier aus gingen die Bewusstseinsströme unaufhaltsam ins Volk hinein. Berlin dem Deutschtum zurückgewinnen, die Reichshauptstadt den kommunistischen Horden entreißen, das war die historische Aufgabe, die sich Adolf Hitler 1926 gestellt hatte. Und so ernannte er am 28. Oktober 1926 seinen genialen Propaganda-Redner Dr. Joseph Goebbels zum Gauleiter von Berlin-Brandenburg.

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Dr. Joseph Goebbels musste die eigentlich unerfüllbare Aufgabe, die Reichshauptstadt dem roten Mob zu entreißen, erfüllen. Adolf Hitler traute ihm die Bewältigung dieser schweren Aufgabe zu.

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Der 9. November 1926 war ein Dienstag, als Dr. Joseph Goebbels seine Reise nach Berlin vom Bahnhof Elberfeld antrat, um die NSDAP in der Reichshauptstadt aus der politischen Bedeutungslosigkeit herauszuführen. Adolf Hitler vertraute seinem treuen Mitstreiter nicht nur, sondern traute ihm auch den Erfolg dieser fast unmöglichen Aufgabe zu. Als die Lokomotive fauchend und heulend durch den grauen Nebel raste, fragte sich der neue Gauleiter gedankenverloren:

„Was erwartet mich in Berlin?“

Er trat seine Reise ins Ungewisse ausgerechnet an diesem für die Bewegung schicksalsschweren Datum an. Drei Jahre waren nur vergangen, als an der Feldherrnhalle in München die Maschinengewehre knatterten und die anmarschierenden Kolonnen eines jungen Deutschlands von der Reaktion zusammengeschossen wurden. Goebbels sinnierte:

„Soll das das Ende sein? Oder liegt nicht vielmehr in unserer eigenen Kraft und in unserem Willen Hoffnung und Gewähr, dass Deutschland doch noch einmal und trotz allem wieder aufersteht und durch uns ein anderes politisches Gesicht bekommt?“

Angekommen in Berlin schuf Goebbels als erstes eine standfeste SA, die bereit war, sich der kommunistischen Gewalt entgegenzustellen. Laue Gesellen wurden von der Partei ausgeschieden, denn jetzt galt es, mit unverbrüchlichem Willen und ganzem Einsatz in die Speichen der Geschichte zu greifen.

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Die junge Partei wurde zunächst belächelt, militärisch zu gefestigt und ausgerüstet dominierte die KPD die Arbeiterzentren Berlins. Und Dr. Goebbels war klar, dass die Arbeiterschaft nur zum Gewinner gehen würde, niemals zum Verlierer. Er musste die Kraftprobe nicht nur erzwingen, sondern auch gewinnen. Ein Unternehmen, dem damals niemand im offiziellen Berlin auch nur den Hauch einer Erfolgsaussicht einräumte.

Dennoch forderte Goebbels den Gegner heraus, und tatsächlich genügten nur zwei Monate Arbeit, bis dem Feind das Lachen vergangen war. Der entscheidende Kampf in der Öffentlichkeit begann am festen NSDAP-Stützpunkt in Spandau. In Spandau veranstaltete die neue Berliner NSDAP in den letzten Januartagen 1927 ihre erste Massenversammlung, die diesen Titel in der Tat und zu Recht trug. Die marxistische Öffentlichkeit, die sich dort als zuständig betrachtete, schickte über fünfhundert rote Frontkämpfer, geschickt im ganzen Saal verteilt. Und dann sollte der Hexensabbat beginnen.

Goebbels erlebte bei seiner Rede die große Freude, dass diese fünfhundert Menschen, die gekommen waren, um der NSDAP, wie die Rote Fahne schrieb,

„mit harten Proletarierfäusten zu Paaren zu treiben“,

stiller und stiller wurden, und am Ende über der ganzen Versammlung eine feierliche Ruhe gesammelter Spannung lag. Die Versammlung endete mit einem Sieg auf der ganzen Linie. Die roten Sprengtrupps schoben schweigend und mit hängenden Ohren ab; die eigenen Parteigenossen aber hatten an diesem Abend zum ersten Mal das beglückende Gefühl, dass die Bewegung in Berlin nun die engen, begrenzten Fesseln einer parteipolitischen Sekte gesprengt hatte, dass der Kampf angesagt war und nun an der ganzen Front entbrennen musste. Es gab jetzt kein Halten mehr. Der neue Gauleiter hatte den Gegner herausgefordert, und jedermann wusste, dass die Kommunisten diese Herausforderung nicht unbeantwortet lassen würden.

Nun gab es für Dr. Goebbels nur noch zwei Möglichkeiten: entweder nachzugeben und damit ein für alle Mal den politischen Ruf der Partei beim Proletariat zu verspielen, oder aber erneut und mit doppelter Wucht in die geschlagene Kerbe zu hauen und den Marxismus wiederum zu einer Auseinandersetzung herauszufordern, was über das weitere Schicksal der Bewegung vorläufig entscheiden musste.

Dr. Goebbels kündete eine Massenveranstaltung für den 11. Februar 1927 in den Pharus-Sälen an. Eine Provokation, wie sie das „Rote Berlin“ bisher noch nicht erlebt hatte. Der Marxismus empfand es im damaligen Berlin bekanntlich schon als Anmaßung, wenn ein nationaldenkender Mensch in einem Arbeiterviertel seine Gesinnung offen zum Ausdruck brachte. Und jetzt eine Massenkundgebung sogar am Wedding?! Der rote Wedding gehörte dem Proletariat! So hat es jahrzehntelang geheißen, und niemand fand den Mut, sich dem entgegenzustellen und durch die Tat das Gegenteil zu beweisen.

Und die Pharus-Säle? – Das war die unbestrittene Domäne der KPD. Hier pflegte sie ihre Parteitage abzuhalten, hier versammelte sie fast Woche für Woche ihre treueste und aktivste Gefolgschaft, hier hatte man bisher nur die Phrasen von Weltrevolution und internationaler Klassensolidarität verbreitet. Und gerade in diesen Sälen setzte die NSDAP ihre nächste Massenversammlung an. Das war die ultimative Kampfansage. So von Goebbels gemeint und so vom Gegner verstanden. Die Parteigenossen jubelten. Nun ging es aufs Ganze. Nun wurde das Schicksal der Berliner Bewegung kühn und verwegen in die Waagschale geworfen. Jetzt hieß es: gewinnen oder verlieren!

Der entscheidende 11. Februar rückte heran. Die kommunistische Presse überschlug sich in blutigen Drohungen. Auf den Arbeitsämtern und Stempelstellen wurde offen angekündigt, dass die Nationalsozialisten

„heute Abend zu Brei und Brühe geschlagen werden“.

Selbst Goebbels dürfte sich damals nicht ganz der Gefahr bewusst gewesen sein, in die er sich mit dieser Massenveranstaltung begab. Und so kam, was kommen musste, die tatsächlich entscheidende Saalschlacht. Vor den Pharus-Sälen brodelte eine Menschenmasse, die in lauten Drohungen ihrer Wut und ihrem Hass Luft machte. Hier und heute musste die Entscheidung fallen. So oder so. Goebbels und seine SA waren bereit, dafür Leib und Leben einzusetzen.

Kaum war der Gauleiter erkannt, da dröhnte ein vielhundertstimmiges Rache- und Wutgeheul in seinen Ohren.

„Bluthund!“ „Arbeitermörder!“

Das waren noch die mildesten Koseworte, die man ihm nachschrie. Goebbels wusste wohl, dass die SA in der absoluten Minderheit war, aber es war eine Minderheit, die entschlossen war zu kämpfen und die Entscheidung zu bestehen.

Nimmt man der Masse ihren Führer oder auch ihren Verführer, dann ist sie herrenlos und kann mit Leichtigkeit überwunden werden. Goebbels‘ Taktik musste also den feigen Haupthetzer, der sich da im Rücken seiner Genossen sicher und ungefährdet wähnte, unter allen Umständen zum Schweigen bringen. Dann kam der gewaltsame Sprengungsversuch, ganz spontan und ohne Kommando.

Goebbels rief den Führer der Schutzstaffel beiseite, und gleich darauf gingen seine Leute in verteilten Gruppen mitten in die tobende Kommunistenmasse hinein; und ehe die aufs äußerste erstaunten und betroffenen Rotfrontsoldaten sich dessen überhaupt bewusst wurden, hatten die Braunhemden den Hetzer vom Stuhl heruntergeholt und mitten durch den tobenden Mob auf die Bühne geschleift. Ein Bild, das die kommunistischen Gewalttäter bis dahin noch nicht mit ansehen mussten, eine Demütigung ohnegleichen. Die große Saalschlacht begann. Stühle zerkrachten, von den Tischen wurden die Beine rausgerissen, aufgesammelte Gläser- und Flaschenbatterien waren in Sekunden geschützartig auf den Tischen aufgeprotzt, und dann ging’s los. An die zehn Minuten wogte die Schlacht hin und her. Gläser, Flaschen, Tisch- und Stuhlbeine sausten wahl- und ziellos durch die Luft. Ein ohrenbetäubendes Gebrüll stieg hoch; die rote Bestie war losgelassen und wollte nun ihr Opfer zerfleischen.

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Aber kaum hatten sich die im ganzen Saal verteilten und in der Hauptsache vor der Bühne massierten SA- und SS-Trupps aus der ersten verwunderten Bestürzung erholt, da setzten sie mit verwegener Kühnheit zum Gegenangriff an; und dabei zeigte es sich, dass die kommunistische Partei zwar Massen hinter sich stehen hatte, dass aber diese Massen in dem Augenblick, in dem sie auf eine fest disziplinierte und eingeschworene Gegnerschaft stießen, feige wurden und die Flucht ergriffen. In kürzester Frist war der rote Haufen, der da gekommen war, um die Versammlung im Blut zu ersticken, aus dem Saal geprügelt und die Ruhe war durch diesen beispiellosen Kampfeinsatz erzwungen worden. Das war der entscheidende Sieg, der das Parteienklima in Berlin von Grund auf veränderte, wenn auch der Sieg mit vielen Schwerverwundeten teuer bezahlt wurde.

Am Schluss von Goebbels‘ Rede nach der Schlacht in den Pharus-Sälen wurde zum ersten Male das Wort vom „unbekannten SA-Mann“ ausgesprochen. Ganz plötzlich war nun die führende und tragfähige Autorität, die die NSDAP bisher in ihrer Berliner Organisation noch nicht besaß, durch Erfolge aufgerichtet und befestigt worden.

Die Aktivisten sahen mit der Gelassenheit des Mutigen dem Kampf um die Reichshauptstadt entgegen, um mit ihrem Einsatz an Blut in wachsendem Maße das Interesse der Gesamtbewegung in Anspruch zu nehmen. Es ging wie ein Aufatmen durch das ganze Reich. Was man bis dahin für unmöglich und aberwitzig gehalten hatte, nämlich den Feind in seinem eigentlichen Lager aufzusuchen und zum Kampf herauszufordern, das wurde in Berlin Wirklichkeit. Goebbels und seine Helden handelten nach Hitlers Maxime:

„Für den, der Willens ist, mit geistigen Waffen zu kämpfen, haben wir den Geist, für den anderen die Faust.“ [1]

Und von da an ging es Schlag auf Schlag. In langen Lastwagenkolonnen zog die Berliner SA in die Provinz hinaus. Ein Aufmarsch folgte dem anderen. In Cottbus wurde ein nationalsozialistischer Freiheitstag veranstaltet, der mit einem blutigen Massaker der Polizei endete. In Berlin jagte eine Versammlung die andere.

Und dann forderte Goebbels die KPD erneut zum Kampf heraus. Nur kurze Zeit nach der Versammlungsschlacht in den Pharus-Sälen rief er zu einer neuen Massendemonstration in Spandau auf, im Zentrum der kommunistischen Macht. Wieder einmal tobte die Rote Fahne vor bebender Entrüstung und erklärte aufs Neue, die Nationalsozialisten vernichten zu wollen, aber das war nun zu spät! Der Damm war gebrochen. Bis zum letzten Mann hielt die Berliner SA den Saal besetzt. Der Rote Frontkämpferbund wurde blutig zurückgeschlagen.

Für den agierenden jüdischen Polizeipräsidenten bestand die Lösung seines Problems darin, die NSDAP-Berlin per Polizeidekret zu verbieten. Wohlgemerkt, die NSDAP war im Gegensatz zur KPD unbewaffnet, schoss nicht, wie die Kommunisten, mit Maschinengewehren in die bürgerlichen Mengen. Doch die NSDAP wurde von diesem Machtjuden verboten, die mordende KPD von ihm gefördert.

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Für den agierenden jüdischen Polizeipräsidenten „Isidor“ bestand die Lösung seines Problems darin, die NSDAP-Berlin per Polizeidekret zu verbieten

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Der Partei war somit das wichtigste Kampfmittel genommen worden, die Massen mit öffentlichen Kundgebungen zu begeistern. Die Behörden kannten den ungeheuren Einfluss der nationalsozialistischen Redner auf die Massen. Es waren die besten, die es je gab. Die Polizeioberen waren sich nicht im unklaren darüber, dass die große rednerische Begeisterung, von der diese Männer selbst getragen wurden, auch auf die Massen übertragen wurde und die Bewegung damit einen Impuls erhielt, den keine Presse und keine Organisation auf andere Weise wettmachen konnte. Deshalb das Verbot.

Nun begann eine schwere Zeit für Dr. Goebbels, schließlich waren alle seine Auftritte in Berlin verboten worden, er selbst wurde vor Gericht gezerrt. Die nationalsozialistische Bewegung in Berlin hatte am 5. Mai 1927 aufgehört, gesetzmäßig zu existieren. Das war ein Schlag, der kaum zu verkraften war. Gerade als sich die Partei gegen die Anonymität und gegen den Terror der Straße durchgesetzt, Idee und Fahne vorwärts getragen hatte, kam dieses kriminelle Verbot. Zu einem Zeitpunkt also, wo die Bewegung ansetzte, ihre letzten parteipolitischen Fesseln abzustreifen und in die Reihe der großen Massenorganisationen einzurücken.

Zum ersten Mal tauchte damals in der jüdisch kontrollierten Presse auch das Gerücht von einem inneren Zerwürfnis zwischen Adolf Hitler und seinem Gauleiter Goebbels auf. Doch trotzig erklang zu nächtlicher Stunde an diesem milden Mai-Abend zum ersten Mal der Kampfruf, der nun für ein ganzes Jahr die hinreißende Massenparole der unterdrückten Bewegung in Berlin werden sollte:

„Trotz Verbot nicht tot!“

Es war der Genialität von Goebbels zu verdanken, dass die NSDAP damals in Berlin nicht unterging.

Dr. Goebbels sah für die Bewegung nur zwei Möglichkeiten, berühmt zu werden: entweder sich „dem Juden“ als Fußabstreifer anzudienen, oder aber ihn rücksichtslos und mit aller Schärfe zu bekämpfen. Die erste Möglichkeit konnte nach Goebbels‘ Überzeugung nur für „demokratische Zivilisationsliteraten“ und „karrierelustige Gesinnungsakrobaten“ in Frage kommen. Die Nationalsozialisten entschieden sich für die zweite Möglichkeit.

Goebbels war ein Kenner der jüdischen Psyche. Er wusste, dass die sogenannte jüdische Weisheit, Weitsichtigkeit und Verstandesschärfe sehr oft überschätzt wurden. Goebbels wusste, dass

„der Jude immer nur klar urteilt, wenn er im Besitz aller Machtmittel ist. Tritt ihm ein politischer Gegner hart und unerbittlich entgegen, dann verliert der Jude augenblicklich jede kühle und nüchterne Überlegung.“ 

Danach richtete Goebbels seinen Kampf aus, er wusste, wo er ansetzen musste. Nach Goebbels‘ Verständnis war „der Jude“ mit den Beschimpfungen wie Schuft, Lump, Verbrecher, Mörder nicht zu treffen.

„Aber schaut man ihn scharf und eine Zeitlang an und sagt ihm dann: ‚Sie sind wohl ein Jude‘?, dann wird er verlegen und schuldbewusst.“

Goebbels hatte recht, der jüdische Polizeipräsident war Nervenzusammenbrüchen nahe, weil er später in Goebbels‘ Wochenzeitung „Der Angriff“ stets „Isidor“ genannt wurde, besonders bei den Karikatur-Texten. Goebbels:

„Eine Rasse, die seit über zweitausend Jahren, und vor allem dem deutschen Volk gegenüber eine wahre Altlast von Schuld und Verbrechen auf sich geladen hat, besitzt in der Tat keinerlei Mandat, unter gesitteten Menschen für die Reinigung des öffentlichen Lebens einzutreten.“

Um das Redeverbot irgendwie zu kompensieren, wagte sich Dr. Goebbels an die Herausgabe einer eigenen Wochenzeitung. Am 4. Juli 1927 erschien die erste Ausgabe des ANGRIFF. Dazu Goebbels:

„Wir waren einfach, weil das Volk einfach ist. Wir waren aggressiv, weil das Volk radikal ist. Wir schrieben bewusst so, wie das Volk empfindet, nicht um dem Volk zu schmeicheln oder ihm nach dem Munde zu reden, sondern um es unter Gebrauch seines eigenen Jargons allmählich auf unsere Seite zu ziehen und dann systematisch von der Richtigkeit unserer Politik und Schädlichkeit der unserer Gegner zu überzeugen. Drei wesenhafte Charaktermerkmale zeichneten unser neues Organ von allen bisher in Berlin bestehenden Zeitungen aus. Wir erfanden eine neue Art des politischen Leitaufsatzes, der politischen Wochenübersicht und der politischen Karikatur.“

Der Nationalsozialist war ein durch und durch moderner politischer Typ; und er fühlte sich auch als solcher. Seine Wesenheit wurde in der Hauptsache von den großen revolutionären Explosionen der Kriegs- und Nachkriegszeit bestimmt. Später schreibt Heinz Höhne, ehemaliger SPIEGEL-Chefredakteur, dazu folgendes:

„Keine Zweifel mehr: der Nationalsozialismus war ein Teil des Modernisierungsprozesses der deutschen Gesellschaft. Er beschleunigte den sozialen Wandel in Deutschland. Er brachte unterprivilegierten Bevölkerungsschichten, auch den Frauen, ein Mehr an Chancengleichheit und Emanzipation.“ [2]

Inmitten der Niedergeschlagenheit der Berliner NSDAP-Aktivisten durch das von „Isidor“ verhängte Parteiverbot gingen die Vorbereitungen der Parteiführung für den ersten Reichsparteig vom 19. bis 21. August 1927 in Nürnberg zügig voran. Es erging an die gesamte Bewegung der Appell, in Geschlossenheit und Disziplin an diesem Tag ein sichtbares Zeugnis abzulegen von der Stärke und der unzerbrechlichen Kraft der wiedererstandenen Partei.

Mit diesem Parteitag begannen die Parteitage als Heerschauen der gesamten Organisation. Jeder Parteigenosse, und vor allem jeder SA-Mann, rechnete es sich zur besonderen Ehre an, bei den Parteitagen persönlich anwesend zu sein und in der Masse der erschienenen Parteigenossen mitzuwirken. Der Reichsparteitag 1927 sollte beweisen, dass die Partei nunmehr auch über die organisatorischen Schranken hinaus für das ganze „deutsche“ Deutschland das unverwüstliche Bild neuer politischer Kraft und Stärke ausstrahlen würde. Die Berliner Parteigenossen und SA-Männer wollten sich hier neue Kraft für den ferneren Kampf holen, sich berauschen an den demonstrierenden Massenaufmärschen der Parteiorganisationen aus dem ganzen Reich, um aller Welt einen unvergleichlichen Aufbruchswillen zu demonstrieren.

Eine Berliner SA-Abteilung von 50 Männern marschierte von Berlin nach Nürnberg, was in der Presse für eine hohe Aufmerksamkeit sorgte.

Und in Nürnberg? Frühmorgens schon beim Betreten der Stadt bot Nürnberg ein ganz neues Bild. Sonderzug auf Sonderzug traf am Freitag den 19. August 1927 ein. Braunhemden über Braunhemden marschierten in langen Zügen durch die Stadt in ihre Quartiere. Klingendes Spiel in den Straßen, die schon im Schmuck der Fahnen standen. Gegen Mittag wurde der Kongress eröffnet. Der schöne Kulturvereinssaal war von festlich gestimmten Menschen dicht gefüllt. Dann, eine Flügeltür sprang auf, und unter endlosem Jubel der Versammelten betrat Adolf Hitler mit der engeren Führerschaft den Saal.

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Die Straßen waren gedrängt, voll von Tausenden und Abertausenden. Blumen, Blumen, Blumen! Jeder SA-Mann wurde geschmückt wie ein siegreicher Krieger, der aus der Schlacht in die Heimat zurückkehrt

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Nun blickte das nationale Deutschland nach Nürnberg, wo die nationalsozialistischen Braunhemden zu Zehntausenden aufmarschierten, um gegen die Tributpolitik für einen neuen Staat zu demonstrieren. Glaube und Hoffnung vieler Hunderttausender geleiteten den Siegesmarsch dieser jungen Aktivisten.

Jeder SA-Mann fühlte, dass er mit seinen marschierenden Kameraden wieder einmal die eherne Spitze am bleiernen Keil bildete, und dass er das allein seiner Tapferkeit, seinem Mut und seiner zähen Ausdauer zu verdanken hatte. Mit Stolz und innerer Erhebung ging er in diese Tage hinein. Er hatte die sinkende Fahne aufgegriffen und sie in Nacht und Finsternis vorangetragen. Heute war der eine nicht Schreiber und der andere nicht Prolet, dieser nicht Bauernknecht und jener nicht kleiner Beamter. Heute waren sie alle die letzten Deutschen, die nicht an der Zukunft der Nation verzweifeln wollten. Sie waren das Symbol einer neuen Glaubensstärke für Hunderttausende und Millionen geworden. Das junge Deutschland stand auf und forderte seine Rechte.

Fahnen flatterten über der Stadt; Ungezählte hatten unter diesen Fahnen geblutet, Ungezählte waren dafür in die Gefängnisse geworfen worden und manch einer darunter gefallen.

Als am Sonnabend des 20. August 1927 gegen zehn Uhr abends vor dem Deutschen Hof die endlosen Reihen fackeltragender SA-Leute, vor dem Führer vorbeimarschierten, da wurde jedem bewusst, dass mit dieser Partei ein Felsblock aufgerichtet war, mitten im brandenden Meer des deutschen Zusammenbruchs.

Und dann brach der große Tag an. Noch lag Nebel über der Stadt, als am Sonntagmorgen des 21. August 1927 um 8 Uhr die SA-Abteilungen aus dem gesamten Reich zum großen Massenappell im Luitpoldhain zusammenfanden. Zug um Zug ziehen die braunen Abteilungen in mustergültiger Disziplin auf, bis nach einer Stunde die weiten Terrassen überfüllt waren von dichtgedrängten Heerhaufen.

Als Adolf Hitler unter endlosem Jubel seiner Getreuen erschien, brach die Sonne aus dunklem Gewölk heraus. In einem spontanen Akt erfolgte die Übergabe der neuen Standarten. Die alten Farben sanken, die Fahne des alten Reiches wurde eingeholt, die Bewegung gab ihrem Glauben das neue Symbol.

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Die Straßen waren gedrängt voll von Tausenden und Abertausenden. Blumen, Blumen, Blumen! Jeder SA-Mann wurde geschmückt wie ein siegreicher Krieger, der aus der Schlacht in die Heimat zurückkehrt. Auf dem Hauptmarkt fand vor einer unübersehbaren Menschenmenge der Vorbeimarsch statt. Endlos, endlos, stundenlang! Immer neue braune Scharen marschierten herauf und grüßten ihren Führer. Sonnenschein lag über allem, und immer und immer wieder Blumen. Das junge Deutschland marschierte auf wie fröhliche Himmelsscharen. Die kampferprobte Berliner SA führte die Kolonnen an und wurde von Jubel und Blumen überschüttet. Den Berliner Kämpfern schlug zum ersten Mal das Herz des deutschen Volkes entgegen.

Aus der verbotenen Organisation in Berlin fanden sich siebenhundert SA-Männer in Nürnberg ein, die zu Fuß, mit Rädern, auf Lastautos und in Sonderzügen den Weg zurückgelegt hatten. Sie hatten sich monatelang das Brot vom Munde abgespart, verzichteten auf Bier und Tabak, ja mancher hungerte sich buchstäblich das Fahrgeld zusammen. Sie verloren zwei Arbeitstage an Lohn, und der Preis für den Sonderzug allein betrug fünfundzwanzig Mark. Manch einer von diesen Siebenhundert verdiente in der Woche nur zwanzig Mark.

Die ganze revolutionäre Schlagkraft der Partei war durch den Massenschwung der Nürnberger Tage gesteigert worden.

Zurück in Berlin erlebten die nationalsozialistischen Idealisten, wie „Isidor“ noch einen letzten Kraftakt versuchte. Er ließ 700 SA-Männer verhaften, was aber juristisch ein unüberwindliches Problem darstellte. Durch die Berichterstattung über den Erfolg von Nürnberg, woran DER ANGRIFF einen entscheidenden Anteil hatte, kippte die Stimmung in Berlin total, die NSDAP wurde in den Augen der Berliner zur Heilsbewegung, die Kommunisten hatten den Kampf um die Herzen der Menschen verloren.

Der geniale Goebbels verstand es, die Bewegung durch das Minenfeld des Dr. Weiß sicher in die Freiheit und zu einem neuen Aufbruch zu führen. Der Ring, den Dr. Goebbels mit fest organisierten Stützpunkten rings um Berlin gezogen hatte, schloss sich zusehends zu einer festen Kette zusammen. Die nähere Umgebung der Reichshauptstadt wurde in einer großen Angriffsfront zusammengeschmiedet. Wenn der Boden in Berlin zu heiß wurde, wichen die Kämpfer in die Provinz aus. Bei diesem Kampf trennte sich auch der Spreu vom Weizen. Viele kamen und viele vergingen. Deshalb lehrt die Geschichte, dass immer nur Einzelne dazu berufen sind, den Völkern neue Ideale zu geben.

In Rückschau auf den großen Kampf um Berlin empfand es Dr. Goebbels zwar als schön und beglückend, die Erfüllung seiner Ziele vor Augen zu haben. Aber noch schöner und beglückender empfand er es, mit dem Kampf um große Ziele zu beginnen und aus der Verzweiflung eines unerträglichen Zustandes doch noch die Kraft und den Glauben zu schöpfen, mit der Arbeit anzufangen, auch wenn das widersinnig, aberwitzig und aussichtslos erscheinen mochte. Goebbels ließ sich dabei von den Worten des Großen Paul de Lagarde leiten:

„Wem es nicht ein Genuss ist, einer Minderheit anzugehören, welche die Wahrheit verficht und für die Wahrlichkeit, der verdient nie zu siegen. Deutschland ist moralisch feige geworden, seit man der Majorität zu folgen zum Staatsprinzip erhoben hat.“

Dann brach der Tag im Leben des Dr. Joseph Goebbels an, der ihn empfinden ließ, als habe sich alles Glück der Welt zu einer Verabredung mit ihm getroffen. Es war der 29. Oktober 1927, sein 30. Geburtstag, als der jüdische Polizeipräsident das NSDAP-Verbot aufgrund der allgemeinen Stimmung aufhob. Es war nicht Adolf Hitler, nicht Goebbels und nicht die NSDAP, die sich geändert hatten, es war das Volk, es war erwacht.

In aller Herrgottsfrühe schon kamen die glücklichen Überraschungen in Hülle und Fülle. Doch erst die zweite Post mittags brachte den Brief des Polizeipräsidiums, in dem Goebbels mitgeteilt wurde, dass das Redeverbot, das nun seit über vier Monaten über ihn verhängt war, aufgehoben sei. Das war ein unerwarteter Glücksfall. Nun musste der Massenzustrom zu einer einsetzenden Versammlungslawine unaufhaltsam werden. Die Partei hatte mit ihren Massenversammlungen wieder die altbekannte Finanzierungsmöglichkeit, Eintrittsgelder, und damit konnten die drängenden Geldsorgen allmählich behoben werden.

Den Abend dieses denkwürdigen Tages verbrachte Dr. Goebbels bei einem alten Kampfgenossen. Dieser lud ihn mit geheimnisvoller Miene zu einem Spaziergang ein, von dem aus beide, ohne dass dem Geburtstagskind etwas verdächtig vorgekommen wäre, in irgendeinem Lokal draußen in einem Vorort Berlins landeten. Ahnungslos betrat der Gauleiter mit seinem Begleiter den Saal, und er fiel aus allen Wolken, als er hinter den verschlossenen Türen fast die gesamte Parteigenossenschaft von Berlin versammelt vorfand. Man hatte eine Geburtstagsfeier für ihn improvisiert, und die Parteigenossen hatten es sich nicht nehmen lassen, dazu ihre eigenen Überraschungen auszudenken.

In drastischer Weise kam dabei der Berliner Volkshumor zu seinem Recht. Man überreichte ihm feierlich einen Maulkorb, eine „amtlich patentierte, gesetzlich geschützte Isidor-Maske“:

„Durchaus verfassungstreu, schützt gegen Gummiknüppelhiebe!“

Es regnete Glückwunschadressen von SA und politischen Sektionen, in unverfälschtem Dialekt und mit einem Mutterwitz geschrieben, wie er eben nur in Berlin zu Hause ist.

„Trotz Verbot nicht tot!“

Diese Parole fand eine herrliche Bestätigung am Tag der ersten großen Massenkundgebung nach der Aufhebung des Parteiverbots. Es war Dienstagabend, der 8. November 1927, für die Bewegung, vor allem in Berlin, ein entscheidungsvolles Datum. Schon gegen 19 Uhr ballten sich vor dem Orpheum in der Hasenheide die Massen, mitten in einem Proletarierviertel. Es war der Tag, am Vorabend der Börsenrevolte von 1918, und am selben Tage, an dem im Jahre 1923 Adolf Hitler in München die nationale Revolution ausrief. Kurz nach Eröffnung der Kassen musste der große Saal des Orpheums wegen Überfüllung polizeilich gesperrt werden.

Ohne den siegreichen Kampf um Berlin hätte es den Sieg dieser einzigartigen Freiheitsbewegung in Deutschland nicht gegeben, wäre es nicht zu dieser wegweisenden Weltbewegung gekommen, deren Ideale gerade heute eine astralgleiche Wiederauferstehung erleben. Man muss um diesen dramatischen Kampf, niedergeschrieben von Dr. Goebbels in seinen Tagebüchern und für die Nachwelt festgehalten in dem Buch „Kampf um Berlin“, wissen, um zu begreifen, wie mächtig und stark das ewige Ideal der Volksgemeinschaft ist. Mächtiger als jeder Mammon. Dr. Joseph Goebbels und Adolf Hitler haben das unter Beweis gestellt.


1) Adolf Hitler in seiner Prozessrede 1924, zitiert in „Der Weg der NSDAP“, Concept Veritas
2) Heinz Höhne, „Gebt mir vier Jahre Zeit“, Ullstein, Berlin-Frankfurt 1996, S. 10.

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Kampf um Berlin - Goebbels
Goebbels, Joseph – Kampf um Berlin – Der Anfang (1934, 149 S., Text) – einfach anklicken

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Quelle: National Journal

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