Unternehmen Barbarossa

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Seit der Annexion der baltischen Staaten, Bessarabiens und der Nordbukowina durch die Sowjetunion im Juni und Juli 1940 hatte sich das deutsch-sowjetische Verhältnis stark verschlechtert. Als Außenminister Wjatscheslaw M. Molotow im November in Berlin verhandelte, legte er die sowjetischen Fernziele unverblümt dar: Gewinnung Finnlands und der restlichen Bukowina, Einbeziehung Bulgariens in die eigene „Sicherheitszone“ und Errichtung von Stützpunkten auf den Dardanellen. Daneben bekundete er das Interesse an Ungarn, Jugoslawien, Griechenland, dem deutschen Teil Polens und an der freien Durchfahrt durch die Ostseeausgänge.

Eine Verwirklichung der Forderungen Molotows hätte Josef W. Stalin zum Schiedsrichter und Herrn über Europa gemacht. Offenbar hatte Molotow auszuloten versucht, wie weit die Nachgiebigkeit seines deutschen Gegenübers ging.

Diese Forderungen erweckten bei Adolf Hitler den zwingenden Eindruck, dass man bei deren Erfüllung immer weiter in die Abhängigkeit von Stalin geraten würde, der gegebenenfalls auch zur Erpressung greifen konnte. Mit dieser Aussicht konnte sich ein Staat, der um seine Großmachtstellung kämpfte, nicht abfinden. So gelangte Hitler zur Auffassung, nur die Wahl zwischen Angriff oder Unterwerfung zu haben. Obwohl die Weisung Nr. 21 „Fall Barbarossa“ vom 18. Dezember 1940 keinen endgültigen Entschluß darstellte, betrachtete Adolf Hitler den Krieg gegen die Sowjetunion mittelfristig als unvermeidlich – eine Einschätzung, die üb­rigens auch Stalin teilte.

Die Gesamtlage bot zu Jahres­beginn 1941 das Bild, wonach sich Deutschland zwischen zwei Großmächten, nämlich Großbritannien und der Sowjetunion, befand, was auf einen Zweifrontenkrieg hinauslief. Falls die Rote Armee aufmarschierte, mussten die deutschen Truppen an der Ostgrenze wesentlich verstärkt werden. Tatsächlich rü­stete die Sowjetunion massiv auf, auch wenn das ganze Ausmaß noch verborgen blieb. Würde Stalin den Lockrufen aus London, ein Bündnis einzugehen, auch künftig widerstehen? Man hatte wertvolle Zeit seit dem Sommer verloren, und das un­geplante Eingreifen deutscher Truppen in Griechenland würde weitere Zeit kosten. Auch die strategische Alternative – Defensive im Osten bei gleichzeitigem Angriff gegen England – erschien kaum weniger riskant, so dass sich Adolf Hitler zur Offensive gegen Sowjetrußland entschloss. Für ihn galt es, die mittelfristige Bedrohung aus dem Osten abzuwenden und Rückenfreiheit gegenüber England zu gewinnen. Dazu kam noch das ideologische Motiv: Der Kampf gegen den Bolschewismus.

„Aufmarschanweisung Barbarossa“

Das Oberkommando des Heeres (OKH) erließ am 31. Januar die „Aufmarschanweisung Barbarossa“, wonach die drei Heeresgruppen Nord, Mitte und Süd mit Panzerkeilen die gegnerischen Truppen durchbrechen und einkesseln sollten. Es war geplant, die Masse der sowjetischen Kräfte noch diesseits von Düna und Dnjepr zu vernichten. General­stabschef Franz Halder rechnete mit einer grenznahen, zähen Verteidigung, wo­gegen ihm ein weiträumiges Absetzen unwahrscheinlich erschien. Man stellte sich zwar auf schwere Grenzschlachten ein, hoffte aber, nach deren siegreichem Abschluss in die Tiefe vorzustoßen und die noch kampffähigen Teile des Gegners zu schlagen. Im Großen und Ganzen neigte der deutsche Generalstab dazu, die operativen Ri­siken und die gegnerischen Reserven zu unterschätzen.

Den Hauptangriff hatte die starke Heeresgruppe Mitte mit zwei Panzergruppen zu führen, die den Gegner in doppelseitiger Umfassung aufreiben, den Dnjepr überschreiten und den Raum Smolensk gewinnen sollte; hierauf hatten starke Kräfte nach Norden einzuschwenken, um gemeinsam mit der Heeresgruppe Nord den Widerstand des Gegners im Baltikum zu brechen, Leningrad zu erobern und sich mit den Finnen zu vereinigen. Erst nach Abschluß dieser vorrangigen Aufgabe wollte man das Rüstungs- und Verkehrszentrum Moskau angreifen, wo immerhin elf Bahnstrecken zusammenliefen. Währenddessen sollte die Heeresgruppe Süd mit starkem Nordflügel auf Kiew vorstoßen, Brückenköpfe über den Dnjepr bilden, hierauf gemeinsam mit den aus Rumänien angreifenden Truppen den Gegner westlich des Stromes vernichten und dann das Donezgebiet erobern.

Kampfpause nach der Gewinnung von Smolensk

Der deutsche Generalstab hatte zwar sein Endziel Moskau durchsetzen können, musste aber den Wunsch Hitlers, zunächst Leningrad zu erobern, akzeptieren. Dieser Plan, gewissermaßen ein operativer „Zwischenschritt“, besaß den Vorteil, den linken Flügel der nach Moskau strebenden Heeresmitte freizuschlagen, ehe man den Großangriff auf die Hauptstadt eröffnete. Obendrein konnte man dann den Angriff von Nordwesten her unterstützen. Die Konzeption bestach mi­litärstrategisch, stieß jedoch bei General Halder auf wenig Gegenliebe, der es versäumte, den Vorrang Moskaus in der operativen Planung festzulegen. Jedenfalls war vor­gesehen, nach der Gewinnung von Smolensk, 650 Kilometer von der Grenze entfernt, eine Kampfpause von mehreren Wochen einzulegen, um die Truppe aufzufrischen und zu bevorraten.

Die drei Heeresgruppen umfaßten 120 2/3 Divisionen, darunter 17 Panzerdivisionen, während die OKH-Reserven nur 28 1/3 Divisionen betrugen. An Panzern und Sturm­geschützen standen 3.580 zur Verfügung, darunter fast 2.500 solcher Typen, die nicht als Kampfpanzer gelten konnten. Dies bedeutete im Vergleich zum Gegner in den westlichen Militärbezirken eine Unterlegenheit von 1 : 3. Die Erhöhung der Anzahl der Panzerdivisionen von 10 auf 20 war nur durch eine radikale Kürzung der Panzer pro Division möglich gewesen. Bei der Fahrzeugausstattung mußte man auf Beutebestände zurückgreifen. Die Luftwaffe bot rund 2.700 Frontflugzeuge auf, wogegen die Sowjets in den westlichen Militärbezirken fast 8.500 Frontflugzeuge konzentrierten. Als besonders schwierig erwies sich die Versorgung. Man war fast ausschließlich auf Lkw-Transporte angewiesen, deren Leistung jedoch in dem Maße absank, je länger die Fahrstrecken wurden. Der Vorrat an Treibstoff reichte nur für eine Dauer von drei Monaten, und auch der personelle Ersatz deckte nur die Ausfälle von drei Monaten. Wegen der zügigen Rückführung der Truppen nach Abschluss des Balkanfeldzuges hielt man am 22. Juni als Angriffstermin fest.

Der Aufmarsch der Roten Armee

Auf der Gegenseite hatte die Rote Armee im Frühsommer 1941 eine Stärke erreicht, die weit über das für die Vertei­digung nötige Maß hinausging. Die Streitkräfte umfassten insgesamt 5,4 Millionen Mann, von denen 4,9 Millionen in den westlichen Landesteilen standen. Die Einführung der zweijährigen Dienstzeit 1939 hatte die aktive Truppe mächtig verstärkt, und Mitte Mai 1941 wurden weitere 800.000 Reservisten einberufen. Die Aufstellung neuer Verbände, vor allem der mechanisierten Truppen, ging zügig voran. Es waren 61 Panzer- und 31 motorisierte Divisionen vorhanden, aus denen 29 mechanisierte Korps mit durchschnittlich 550 Panzern gebildet wurden. Allein 25 dieser Korps marschierten im Westen auf. Insgesamt erreichte der Panzer­bestand fast 24.000, darunter 14.500 in West- und Zentralrussland. Der Typ T-34/76 war damals der beste Kampfwagen der Welt. Auch bei der Artillerie hatte eine rasante Aufrüstung statt­gefunden, wobei allein in den westlichen Militärbezirken fast 35.000 Geschütze standen. Nicht zuletzt hatte man die Luftstreitkräfte extrem verstärkt, die in Westrussland 15.800 Maschinen umfassten, darunter aber nur wenige moderne Typen.

Dem Aufmarsch der Roten Armee waren zahlreiche Überlegungen vorangegangen, die schließlich in den Aufmarschplan einflossen, den Armeegeneral Georgi K. Schukow, der Generalstabschef, am 15. Mai Stalin vorlegte und der auch von ihm genehmigt wurde. Grundsätzlich dominierte der Gedanke, die Beendigung der deutschen Angriffsvorbereitungen nicht abzuwarten, sondern selbst die Initiative zu ergreifen und dem Gegner im Zustand seiner Schwäche zuvorzukommen. Dementsprechend wurde auch der Aufmarsch gestaltet, den Schukow in den Tagen nach dem 15. Mai befahl. Die Aufmarschanweisungen an die vier grenznahen Militärbezirke entsprangen keinen „Schub­ladenentwürfen“, da Schukow und Verteidigungsminister Semjon K. Timoschenko nie gewagt hätten, derart wichtige Weisungen ohne Autorisierung durch Stalin zu geben.

Schukow plante, bei einer Gesamtstärke von 303 Divisionen zwei strategische Staffeln zu bilden. Das Schwergewicht sollte im Südwesten im Frontbogen von Lwow/Lemberg – Sambor liegen, von wo aus eine mächtige Armeegruppe von 122 Divisionen nach Südpolen vorzustoßen hatte, um hierauf nach Norden zu schwenken und gemeinsam mit Teilen der Westfront die gegenüberstehenden Deutschen in einer Kesselschlacht zu vernichten. In einer zweiten Phase sollten die siegreichen Armeen bis zur Danziger Bucht vorstoßen und den östlich davon stehenden Deutschen in den Rücken fallen. Das hätte die Kriegsentscheidung bedeutet. Am 13. Juni korrigierte General Nikolai F. Watutin, Schukows Stellvertreter, den Angriffsplan, wonach acht Armeen mit 120 Divisionen den Angriffskeil im Südwesten bilden sollten.

Sowjetische Mobilmachung

Dass sich der sowjetische Gegner laufend verstärkte, geht auch aus dem Mobilmachungsplan vom 12. Februar 1941 hervor, wonach eine Aufstockung auf 8,9 Millionen Mann, 37.000 Panzer und 22.200 Frontflugzeuge für 1941 vorgesehen war. Diese Mobilmachung hatte bereits vor dem 22. Juni begonnen, sonst hätte man nicht unmittelbar danach zahlreiche Verbände formieren können. Tatsächlich hatte am 22. Juni die erste strategische Staffel in den westlichen Militärbezirken einen Umfang von 170 Divisionen, geführt von 16 Armeen; die meisten Kräfte standen in den vorgesehenen Räumen, darunter auch fünf Luftlandekorps. Dahinter formierten sich sechs Armeen der zweiten strategischen Staffel und sonstiger Reserven mit 77 Divisionen, während eine weitere Armee ihre Aufstellung fast beendet hatte.
Folgende zusätz­liche Indizien sprachen für die Offen­sivabsicht:

  • Konzentration von je vier mechanisierten Korps im vorspringenden Frontbogen von Bialystok und im Front­bogen von Lemberg–Sambor, hinter denen weitere starke Kräfte bereitgestellt wurden;
  • Starke Konzentration von Jagdbomber- und Jägerverbänden dicht hinter der Grenze, um eine möglichst große Eindringtiefe zu gewinnen;
  • Ausgabe von Militärkarten, die tief in das deutsch besetzte Gebiet hineinreichten;
  • Auf manchen Karten waren Angriffspfeile eingezeichnet, die weit über die Weichsel und ins Innere Ostpreußens zielten;
  • Anlage zahlreicher Lager für Treibstoff, Munition und Verpflegung in Grenznähe;
  • Aufstellung einer Division, die aus gefangenen Polen bestand und den Kern einer polnischen „Befreiungsarmee“ bilden sollte;
  • Vorbereitung der Aufstellung weiterer drei bis vier Ar­meen mit 25 Divisionen.

Ende des Aufmarsches

Da die sieben Armeen der zweiten strategischen Staffel Weisung hatten, ihre zugewiesenen Räume zwischen 3. und 10. Juli zu erreichen, ist abzuleiten, dass der Aufmarsch sämtlicher Kräfte zwischen 15. und 20. Juni beendet ge­wesen wäre. Alles Weitere stand zur Disposition. Es ist jedoch anzunehmen, dass sich die sowjetische Führung kaum mit der Verteidigung begnügt hätte. Die Ansicht, dass die Rote Armee nach Beendigung ihres Aufmarsches auf un­bestimmte Zeit untätig verharrt hätte, erscheint widersinnig, denn der riesige Offensivaufmarsch wäre den Deutschen über kurz oder lang nicht verborgen geblieben und hätte erst recht zum Erstschlag herausgefordert. Beide Seiten folgten der Doktrin, dass der Angreifer den Vorteil der Überraschung nutzen sollte. Außerdem hätte die Rote Armee kurzfristig nicht mehr auf Abwehr „umstellen“ können.

Die überhastete Vergrößerung des Heeres hatte Nachteile bei Ausbildung, Bewaffnung und Bevorratung zur Folge, die aber in Kauf genommen wurden. Auch kam es zu zahlreichen Pannen im Aufmarsch, die im Zuge der Massentransporte kaum zu vermeiden waren. Es wäre jedoch irreführend, daraus zu folgern, dass die Rote Armee insgesamt nicht angriffsbereit gewesen wäre.

Der deutsche Generalstab hatte den grenznahen Aufmarsch im Großen und Ganzen erkannt und die Truppen der ersten strategischen Staffeln ziemlich zutreffend auf­geklärt. Am 7. April schrieb General Halder in sein Tagebuch:

„Die russische Gliederung gibt zu Gedanken Anlass. Wenn man sich von dem Schlagwort freimacht, der Russe will Frieden und wird nicht von sich aus angreifen, dann muss man zugeben, daß die russische Gliederung sehr wohl einen raschen Übergang zum Angriff ermöglicht, der uns außerordentlich unbequem werden könnte.“

Dennoch glaubte Halder nicht an eine sowjetische Offensive, da er dem Gegner nicht die nötige Entschlossenheit zutraute. Erst Anfang Juni kam es zu einer halbwegs realistischen Feindbeurteilung, wonach man 226 1/2 Divisionen im europäischen Russland annahm. Es war weder gelungen, die zweite strategische Staffel noch das enorme Rüstungs­potential des Gegners zu erfassen. Dennoch herrschte bei hohen Militärs gedämpfter Optimismus, wenn auch mancher General, wie etwa Heinz Guderian, seine Bedenken äußerte. Andererseits war sich Hitler bewusst, welches Ri­siko er einging, da die vorliegenden Informationen kein einheitliches Bild ergaben.

Erfolge in bisher unbekanntem Ausmaß

Als die Wehrmacht im Morgengrauen des 22. Juni zum Angriff antrat, stieß sie in einen mächtigen Offensivaufmarsch hinein. Sie eröffnete zwar keinen Präventivkrieg im engeren Sinne, begann aber einen, ohne davon zu wissen. Es handelte sich auch um keinen Überfall, denn die Rote Armee war weder unvorbereitet noch wurde sie strategisch überrascht. Offenbar hatte Stalin mit einem Ultimatum gerechnet.

Der Angriff der drei Heeresgruppen verlief in den ersten Wochen mit unerwarteter Präzision. Schon die einleitenden Luftangriffe erbrachten Erfolge in bisher unbekanntem Ausmaß: Am ersten Tag verlor der Gegner über 1.800 Flugzeuge, und bis Ende Juni stiegen die Verluste auf 4.600, was bei vielen Stellen Verblüffung auslöste. Außerdem wurden im Frontbogen von Lemberg–Sambor, wo die Rote Armee am stärksten massiert war, 63 große, wenn auch noch unfertige Flugplätze festgestellt. Die sowjetische Luftwaffe stellte in den nächsten Monaten keinen ernsthaften Gegner mehr dar.

Bei der Heeresgruppe Nord unter Feldmarschall Wilhelm Ritter v. Leeb stieß die Panzergruppe 4 auf Anhieb an die Düna vor und bildete Brückenköpfe. Auf dem linken Flügel wurde Riga am 29. Juni erobert, während die 16. Armee den Panzertruppen folgte. Schon am 2. Juli ließ Generaloberst Erich Hoepner seine beiden Panzerkorps weiter angreifen, um die Überraschung zu nutzen und um schnell nach Leningrad zu kommen. Als die Panzerspitzen Mitte Juli Brückenköpfe über die untere Luga, 110 Kilometer südwestlich von Leningrad, erkämpften, schien das Ziel zum Greifen nahe. Doch v. Leeb und Halder wollten keinen Angriff auf dem exponierten linken Flügel der Panzergruppe, sondern forderten die Bildung eines „Schwerpunktes rechts“ vor Nowgorod. Dazu war eine Verstärkung durch Infanterie erforderlich, die aber noch zurückhing. Die Panzergruppe wurde daher angehalten, und man versäumte die große Chance, das fast ungeschützte Leningrad im ersten Anlauf zu nehmen.

Zentrum der Angriffsfront

Im Zentrum der Angriffsfront stießen die Panzergruppen 2 und 3 unter den Generalobersten Guderian und Hermann Hoth flankierend gegen die Kräftegruppe im Frontbogen von Bialystok vor, umfassten drei Armeen und vereinigten ihre Spitzen am 28. Juni ostwärts von Minsk. In der Doppelschlacht von Bialystok – Volkovysk verlor der Gegner neben zahllosen Gefallenen 324.000 Gefangene, 3.300 Panzer und 1.800 Geschütze. Noch während dieser Kämpfe hatten die beiden Panzergruppen den Auftrag erhalten, über den ­Dnjepr und die obere Düna vorzustoßen und die sowje­tischen Truppen, die im Raum Smolensk zur Verteidigung übergingen, nördlich und südlich zu umfassen.

Obwohl Smolensk schon am 16. Juli erobert werden konnte, leisteten die Truppen unter Marschall Timoschenko erbitterten Widerstand. Immerhin waren sie durch die 16. und 19. Armee verstärkt worden, die Schukow in einer Gewaltaktion von Süden aus dem Raum Kiew herangeholt hatte. Der in mehrere Kessel zersplitterte Gegner unternahm heftige Ausbruchsversuche, und kleinen Gruppen gelang es, durch eine Lücke zu entkommen. Gleichzeitig unternahmen vier Reservearmeen, die kurz zuvor aufgestellt worden waren, wütende Gegenangriffe, um die Eingeschlossenen zu entlasten. Als die Schlacht am 5. August endete, konnte Feldmarschall Fedor v. Bock, der die Heeresgruppe Mitte befehligte, die fast vollständige Vernichtung von drei Ar­meen, die Gefangennahme von 309.000 Mann und den Abschuss von 3.200 Panzern melden.

Unerwartet zäher Widerstand

Die härteste Nuss hatte die Heeresgruppe Süd unter Feldmarschall Gerd v. Rundstedt zu knacken. Der Schwerpunkt lag auf ihrem Nordflügel, wo die Panzergruppe 1, gefolgt von der 6. Armee, den überlegenen Gegner in mehreren Panzerschlachten dezimierte. Auf Befehl Schukows griffen vier mechanisierte Korps, darunter die neuesten T-34, den Durchbruchskeil von beiden Seiten an, erlitten aber dabei entsetzliche Verluste. Erst am 30. Juni brach Schukow die Schlacht ab. Sie kostete die Rote Armee 200.000 Mann und fast 4.400 Panzer. Als zwei deutsche Panzerdivisionen am 10. Juli 75 Kilometer westlich von Kiew standen, untersagte Hitler den Angriff auf die Stadt, da die folgenden Armeekorps noch weit zurückhingen und die Nordflanke der Deutschen unter starkem Feinddruck stand. Hierauf schwenkte die Panzergruppe 1 nach Südosten und schloss gemeinsam mit der 17. Armee zwei sowjetische Armeen bei Uman ein. Als die Kesselschlacht am 8. August endete, hatten die Sowjets weitere 103.000 Gefangene sowie 100.000 Gefallene und Schwerverletzte zu verzeichnen.

Die bisherigen Teilsiege hatten in den deutschen Führungsstäben Euphorie ausgelöst. General Halder hatte bereits am 3. Juli notiert, dass man den Ostfeldzug als gewonnen betrachten könne. Schon befasste sich der Generalstab mit Besatzungsplänen. Doch der unerwartet zähe Widerstand des Gegners, der bereits im Juli eine dritte strategische Staffel gebildet hatte und laufend neue Verbände heranführte, verlangsamte den Vormarsch ernsthaft. Nun begann das Ringen zwischen Hitler und dem Generalstab um die bestmögliche Fortsetzung der Operationen. Man stand unter äußerstem Zeitdruck, da der Feldzug noch 1941 siegreich beendet werden sollte.

Heinz Magenheimer
Der Autor, Historiker und Privatdozent war Angehöriger der österreichischen Landesverteidigungsakademie (Institut für strategische Grundlagenforschung) und ist Verfasser einer Grundlagenarbeit über den deutschen Präventivschlag 1941 gegen die Sowjetunion sowie von detailreichen Analysen der Ereignisse vor Moskau 1941 und um Stalingrad im Winter 1942/43.

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Quelle: http://www.d-mz.de/archives/374

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